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LED Stallbeleuchtung Teil I: warum ein einfacher IP-Schutz und PMMA nicht ausreichen.

Die Hersteller versprechen "die perfekte LED-Leuchte für Ihren Stall" - und schreiben von IP66 und "lebenslangem Schutz dank PMMA-Gehäuse". Kann das funktionieren?Immer mehr Leuchten-Hersteller bieten mittlerweile LED-Stallbeleuchtung an. Exemplarisch seien hier genannt: "PRACHT Tubis Farmer LED", "OSRAM Monsun 2 LED", "NORKA Coesfeld" aber auch "Agrilamp/Alis Lamp" und "ZALUX STRONGERTUBE". Die Leuchten sollen ammoniakbeständig, wasserdicht und langlebig sein und werben u.a. mit IP66, PMMA-Gehäuse und speziellen Dichtungssystemen. Wir haben mittlerweile schon sehr viele Stallungen auf LED-Beleuchtung umgerüstet und können Ihnen daher aus unserer Erfahrung sagen:

Was funktioniert - und was nicht.

In unserer ersten Zusammenfassung soll es lediglich um die mechanischen, chemischen und thermischen Belastungen gehen. Im zweiten Teil geht es um die Energieeinsparung, das perfekte Licht für das Tier und Lichtsteuerungen. Im dritten Teil werden wir die Leuchten in Bezug auf die Kriterien nebeneinander stellen.   Irgendwie wasserdicht reicht nicht - nur IP69K hilft.
So sieht es im Stall bei einer Reinigung aus.

So sieht es im Stall bei einer Reinigung aus.

Der IP-Schutz gibt unter anderem an, wie wasserdicht eine Leuchte ist. Je höher der Wert, desto "dichter" ist die Leuchte. Der Maximalwert beträgt IP69K. Klassische Feuchtraumleuchten in Baumärkten starten mit IP65 - einem Schutz gegen Strahlwasser. Das hört sich im ersten Schritt sehr respektabel an, doch es handelt sich hierbei um einen "normalen" Wasserstrahl, vergleichbar aus einem Gartenschlauch - aus mehreren Metern Entfernung. Hier ein kleines Video zur Verdeutlichung* . Das hat nichts mit Stallreinigung zu tun, sondern eher etwas mit romantischer Gartenbewässerung. Wer in einem Stall mal eine Reinigung erlebt hat weiß, dass dort mit einem Wasserdruck von >100bar gereinigt wird (Kärcher, Kränzle etc.). Ebenfalls kommen Dampfreiniger mit Temperaturen von >100°C zum Einsatz. Leuchten mit IP65, IP66 und IP67 sind für diese Belastung gänzlich ungeeignet. Ein Strahl aus dem Hochdruckreiniger würde die labilen, dünnen Dichtungen zerstören - und die Leuchte wäre nach dem ersten Reinigungsvorgang "abgesoffen". Unabhängig davon, dass die Leuchte im Extremfall defekt wäre - die Arbeitssicherheit ist stark gefährdet (Stromschlag, Dunkelheit...). Fazit: Nur die gehobenen IP-Schutzklassen sind daher für die Stallanwendung geeignet - IP68 bis IP69K. (zur Veranschaulichung/zum Vergleich mal ein kleines Video eines IP69K-Tests*)   Dichtungen sind nicht dicht - Leuchten müssen verklebt sein.
"Dichtungen sind nicht dicht". Hier die richtige Lösung: massiv verklebte Endkappen und Kabel.

"Dichtungen sind nicht dicht". Hier die richtige Lösung: massiv verklebte Endkappen und Kabel.

Eine große Herausforderung im Stall ist das Ammoniak. Es entsteht bei der Verdauung der Tiere und sammelt sich in der Luft der Stallungen. Ammoniak ist ein für uns Menschen und viele andere Stoffe hochaggressives Gas. In Leuchten ist hochwertige Elektronik verbaut (LED-Treiber, LED-Module, Steuerungselektronik etc.), welche sehr schnell mit Ammoniak reagiert - und am Ende schnell zerstört wird. Daher muss verhindert werden, dass Ammoniak in die Leuchte kommt. Einige Leuchtenhersteller sehen eine Verdrahtung/einen Anschluss der Leuchte im Stall vor. Die Leuchte muss dazu geöffnet werden - und schon ist das erste Ammoniak in der Leuchte und die Elektronik beschädigt. Ebenfalls verwenden die meisten Leuchtenhersteller "Dichtungen" (gemeint ist nicht die literarische Meisterleistung, sondern die physische Barriere), um die Leuchte vor Wasser, aber auch Ammoniak zu schützen. Das deutsche Wort "Dichtung"  ist leider irreführend. Denn Dichtungen sind meist nicht (gas)dicht.** Wer ein mal eine Plastik-Wasserflasche im Auto liegen lassen hat, weiß dass gedichtete Flaschen bei Temperaturschwankungen Luft ziehen/"atmen".  Es ist daher zwingend notwendig, dass die Leuchte geklebt/verschweißt wird. Natürlich gilt dieses für alle Bereiche der Leuchte: Leuchtenteile, Anschlussstecker, Kabel, Litzen in den Kabeln, Isolierungen in den Litzen... . Fazit: Nur Leuchten, die an jeder(!) Stelle verklebt/verschweißt sind, überleben mittelfristig die Ammoniakbelastung.   Nur ein PMMA-Gehäuse reicht nicht - Chemie- und Schlagbeständigkeit.
Eine "andere Form" von Extremtest. ;-) Im Stall eher anzufinden: aggressives Ammoniak, konzentrierte Reinigungschemikalien, hohe Temperaturen, starker Druck... und alles gleichzeitig.

Eine "andere Form" von Extremtest. 😉
Im Stall eher anzufinden: aggressives Ammoniak, konzentrierte Reinigungschemikalien, hohe Temperaturen, starker Druck... und alles gleichzeitig.

Dass Polycarbonat (PC) für den Einsatz im Stall ungeeignet ist, weil es durch den Kontakt mit Ammoniak innerhalb kürzester Zeit "schmierig" wird und sich zersetzt, ist mittlerweile bekannt. Viele Hersteller werben daher blumig "mit einem ammoniakbeständigen Leuchtengehäuse aus PMMA, das ein Leben lang dem Ammoniak standhält". Das Gehäuse wird sicherlich die Ammoniakkonzentration überleben... doch es sagt nichts über die Dichtigkeit aus (siehe "Dichtungen sind nicht dicht") -und die dann notwendige Ammoniakbeständigkeit der Bauteile in der Leuchte. Aber nur PC gegen PMMA zu tauschen reicht nicht aus. Zusätzlich zu dem Ammoniak kommt beim Reinigen der hohe Wasserdruck, die hohen Temperaturschwankungen (>100°C Dampfreiniger), physischer Druck (Dreckbeseitigung oder aber auch ein versehentlicher Schlag) - aber auch die diversen Reinigungschemikalien. Die aggressiven Reinigungschemikalien sollen natürlich schnell und sehr gründlich den Dreck und die Keime anlösen/abtöten - aber nicht die Leuchte. Es ist also eine Kombination aus allen Extremen. Eine "aufgepimpte" PMMA-Feuchtraumleuchte ist mit diesen Anforderungen natürlich überfordert. Fazit: das PMMA-Gehäuse muss resistent gegen Ammoniak, Reinigungschemikalien, hohe Temperatur, Schläge... sein. Das bedarf vieler Tests - und einer speziellen Mischung. Offizielle Tests und unabhängige Zertifikate helfen hier bei der Orientierung (z.B. DLG).   Zusammenfassung 1.Teil: Wenn Sie sich die extremen Anforderungen anschauen und im Vergleich dazu die "Lösungen" einzelner Leuchtenhersteller, entpuppen sich diese schnell als gut gemachte Marketing-Inszenierungen. Ein erster Einsatz des Hochdruckreinigers (mit 100bar), der Reinigungschemikalien oder aber auch die Installation in ammoniakhaltiger Luft werden die Leuchten "auf den Boden der Tatsachen" zurückholen. Es folgen bald:
  • LED-Stallbeleuchtung Teil II: Energieeinsparung, das perfekte Licht für das Tier und Lichtsteuerungen.
  • LED-Stallbeleuchtung Teil III: professionelle Stallleuchten nebeneinander gestellt - und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung.
 
  *es handelt sich hierbei um externe Links/Videos. Der Inhalt der Videos konnte daher nicht verifiziert werden. Die Beobachtungen und Angaben zum IP-Schutz entsprechen aber unseren Erfahrungen. **Natürlich ist chemisch betrachtet kein Gefäß zu 100% gasdicht, es gibt aber einen Unterschied zwischen geschlossenen Körpern und gedichteten Körpern.
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